Von A wie Aufschießer bis Z wie Zeller See

Segeln als Unterrichtsfach an einer öffentlichen Schule dürfte deutschlandweit die Ausnahme sein. Am Bodensee profitieren sowohl ein Yachtclub als auch die Schüler von einem mutigen Projekt.

Im Yachtclub Radolfzell, direkt am Wasser, im Kreis unter einem Baum, sitzen Schüler am Boden. Jakob Janich lässt bunte Boote auf der Magnettafel fahren und fragt die Vorfahrtsregeln ab. „Wenn bei beiden Booten die Segel auf der gleichen Seite sind, dann gilt Lee vor Luv“, antwortet ein Schüler und verrät ihm gleich noch seine Eselsbrücke dazu: „Lee wie leer und Luv wie Luft“. “Wir sind hier am Zeller See, wie heißen die anderen Teile des Bodensees“? lautet die nächste Frage. „Das ist viel schöner, als Mathe“, ruft eine Schülerin und ist mit Feuereifer dabei. Dann wechselt die Gruppe zur nächsten Station. Dort will Miriam Dalton, Sportlehrerin mit Bodensee-Schifferpatent, wissen, wie man einen Optimisten segelklar macht und wie die vielen Teile und Leinen heißen, die an so einem kleinen Boot der Jüngstenklasse sind. Vier Stationen sind heute zu durchlaufen, zwei an Land, dann zwei auf dem Wasser. Sind alle Stationen der Prüfung geschafft, bekommen die Kinder den Jüngstensegelschein. Nichts Ungewöhnliches in einem Segelclub. Doch die Kinder sind keine Mitglieder im Club. Sie haben heute Vormittag regulären Sportunterricht im Rahmen der vierten Klasse der Grund und Hauptschule Böhringen.

„Das Projekt läuft seit Herbst 2014“, sagt Jakob Janich, hauptamtlicher Trainer des YCRa und Stützpunkttrainer Untersee des Landes-Seglerverbands-Baden-Württemberg. Damals, so erzählt er, habe es im Club zwei aktive Optisegler gegeben, „mehr waren es nicht“. Daran wollte der Vorstand etwas ändern und nahm Kontakt mit der Schule auf. Seit Schuljahresbeginn 2014 ist an der GHS Böhringen Segeln Teil des regulären Sportunterrichts der vierten Klasse. Schwimmen haben die Kinder bereits im dritten Schuljahr gelernt. Abwechselnd mit der Parallelklasse, also im zweiwöchigen Rhythmus, findet der dreistündige Unterricht von 11 bis 13 Uhr 30 im Yachtclub statt. Von Ostern bis zu den Sommerferien und danach bis etwa Oktober im Opti auf dem Wasser. Boote, Neoprenanzüge, Schuhe und Schwimmwesten stellt der Verein. Im Winter ist dann Zeit für Theorie und Inhalte aus dem Sachkundeunterricht wie Gewässerkunde, Geografie und Experimente zur Aerodynamik. Auch ein Ausflug zur Bootswerft stand schon auf dem Programm.

„Das ist eine tolle Kooperation, eine ganz andere Art von Unterricht“, sagt Miriam Dalton. Die Kinder würden die Windrichtungen nicht nur theoretisch, sondern beim Segeln in die umliegenden Orte kennen lernen. „Es ist eine wundervolle Gelegenheit mit dem Segeln in Kontakt zu kommen. Manche sind zum ersten Mal auf einem Boot und wir hoffen, dass das Projekt noch lange weiterleben darf“.

Zu zweit schieben die Jungen und Mädchen die Optimisten die Slipbahn hinunter- passen auf, dass sie einander nicht behindern. Das lief am Anfang des Schuljahrs, so Janich, nicht so reibungslos ab. „Diese Abläufe im Klassenverband fordern die Kinder und wirken sich sehr positiv auf das soziale Miteinander aus“, findet er, startet sein Schlauchboot und begleitet die Segler auf ihrem Weg aus dem Hafen. Draußen legt er zwei Bojen, um die die kleinen Segler eine Null beschreiben sollen. So müssen sie zeigen, dass sie geradeaus fahren, halsen und wenden können. „Viola, du stehst im Wind, du musst mal richtig an der Pinne ziehen“, ruft Jakob ihr zu und schon kommt die Jolle wieder in Fahrt. Im Schlauchboot der Sportlehrerin zeigt die andere Hälfte der Klasse unterdessen seemännische Knoten.

Dann ist Wechsel, denn es steht noch der Aufschießer am Schlauchboot an. „Von welcher Seite muss man anlegen“? fragt der Trainer in die Runde. Keiner macht es wirklich falsch, trotzdem werden Leistungsunterschiede sichtbar. „Ein bisschen lebt das Projekt auch davon, dass manche Kinder schon segeln können. Solche Vorbilder tun der Gruppe gut“. Krönender Abschluss an diesem heißen Tag ist das Kentern. Nur wenige trauen sich nicht, das Boot im Wasser umzukippen und dürfen im Schlauchboot sitzen bleiben. Alle anderen haben einen Riesenspaß, richten das Boot problemlos auf und schöpfen das Wasser raus. „Ich habe mir die Prüfung ganz anders vorgestellt“, sagt eine Schülerin, „ich habe gedacht, dass ein Blatt ausgefüllt werden muss. Oder so, wie bei der Fahrradprüfung, dass man mit Wäscheklammern Zettelchen am Boot hat, die man bei Fehlern abgenommen bekommt“. Alle bestehen die Prüfung, manche mit einem Augenzwinkern und nach dem Abriggen und Aufräumen der Boote werden die Urkunden verteilt. „Etwa zwei bis drei Kinder bleiben jährlich nach diesem Projekt am Segeln hängen“, sagt Janich. Sie werden Mitglied im Club und sichern den seglerischen Nachwuchs.

„Letztes Jahr haben wir einen Preis gewonnen“, sagt er. Das Kooperationsprojekt „Mix It!“ des badischen Sportbunds zeichnet Sportvereine aus, die besondere, innovative und integrative Projekte in Zusammenarbeit mit einer Schule durchführen. Die Ratoldusschule in Radolfzell hat in diesem Jahr zum ersten Mal das Projekt aufgegriffen und auch sie hat damit gute Erfahrungen gemacht.

 

Artikel der Seglerjugend des Landes-Segler-Verbands Baden-Württemberg

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